Archiv für den Monat: August 2016

Serles – der Hochaltar von Tirol

Was für ein heißer Spätsommertag. Und wir machen trotzdem eine Bergtour, nämlich von Maria Waldrast aus und zumeist südseitig über 1.100 Höhenmeter gehend auf die Serles. Doch der reichlich vergossene Aufstiegsschweiß lohnt sich: Dieser isolierte Gipfel – zwischen Stubai- und Wipptal gelegen – bietet von seinem Gipfelplateau auf 2.717 m.ü.M. eine phantastische Aussicht. Blick vom Gipfel der Serles zum HabichtZurecht wird die Serles die Königin genannt, machmal auch der Hochaltar von Tirol. Gegenüber grüssen die Kalkkögel, im Norden ist Innsbruck mit der Nordkette, dann die Tuxer Alpen mit dem Patscherkofel zu sehen. Im Südosten glänzt der Olperer mit den Firnfelden der Gefrorenen Wand herüber. Ganz im Süden sind Südtiroler Berge wie die Geisler Spitzen zu erkennen, im Westen die Stubaier Gletscher mit Zuckerhütl und Ruderhofspitze. Und das “männliche” Pendant zur Serles steht da noch in Reichweite – der Habicht, ein Klotz von Berg. An seinen auslaufenden Schultern ist der letztjährige Startplatz zu unserem Paraglideflug über Neustift und dem Stubaital zu erkennen. Doch heute befinden wir uns in wesentlich grösserer Höhe und stehen dazu noch auf festem Grund; zumindest auf Kalkmarmor, dem Gipfelgestein der Serles.

Liebeserklärung an die Hausrunde

Ein Artikel in der führenden Rennradzeitschrift TOUR hat sich einmal vor Jahren intensiv mit einem Thema beschäftigt, was jeder Rennradfahrer sein eigen nennen kann – seine Hausrunde.

Meine ist in nüchterner Beschreibung die folgende: Von Landsberg über den Lech nach Kaufering und Weil, dann Finning, am Ammersee vorbei (mit Blick auf diesen und Kloster Andechs) nach Dießen, weiter über Dettenschwang und Vilgertshofen zurück nach Landsberg. Das sind gute 60 Kilometer bei guten zwei Stunden Fahrzeit. Eine klassische, nicht sehr schwere Feierabendrunde. Dank konzentrischer Kreise lässt sich das beliebig erweitern über Apfeldorf oder gar Wessobrunn und dann über Forst zurück auf mehr als 100 km Strecke (am Wochenende) oder verkürzen über Obermühlhausen auf unter 50 km (im Winter bzw. bei wenig Zeit).

Finning vor AlpenpanoramaUnd nun zur Empfindung: Am schönsten ist die Runde Ende April, wenn auf den Wiesen die Löwenzähne blühen und die Alpen im Süden noch voller Schnee sind. Oder wie jetzt Mitte/Ende August das Licht am Spätsommerabend golden leuchtet, die Felder gedroschen oder gemäht, die erste Karwendelkette und das Wettersteingebirge mit Zugspitze am Horizont zu sehen sind. Das Ganze erinnert mich immer etwas an Sommerbadeurlaube der Kindheit in Kärnten, dort leuchten ebenso die Karawanken im Süden.

Was es mit Finning auf sich hat

Mein Lieblingsblick ist der mit dem Ort Finning vorne, welcher eingebettet ist in die voralpine Möranenlandschaft. Die knapp 1.700 Einwohner zählende Gemeinde in Oberbayern ist vor drei Jahren ungewollt und unberechtigt kurz in den Schlagzeilen gewesen, weil ‘Finning‘ im Englischen das abscheuliche und mittlerweile in der EU verbotene Abtrennen der Rückenflosse von Haien bei lebendigen Leib bedeutet. Kommen wir wieder zu Erfreulicherem.

Worin liegt Reiz der Hausrunde? Obwohl jede Bodenwelle, jede Querrinne im Asphalt doch bekannt ist, liegt der im Kleinen und Verborgenen. “Wie steht heute der Wind? Vor vier Tagen war es an der Stelle noch kühler, oder? Auf der Koppel sind ja neue Pferde zu sehen! Schade, dieses leerstehende alte Bauernhaus ist jetzt abgerissen worden … “.

Manchmal esse ich übrigens zum Abschluß der Hausrunde am Landsberger Hauptplatz noch ein Eis, mit den angenehmen Nebeneffekten bzw. Möglichkeiten des Possierenkönnens und Bekanntetreffens. Das ‘Sehen und gesehen werden’ wird nie langweilig werden.

In der TOUR sind übrigens zwei Ratschläge gegeben worden, um gegen diese angebliche Monotonie der Hausrunde etwas zu tun, sie also quasi neu zu erleben. Einerseits diese mal in anderer Richtung (was ich niemals bei Schönwettertagen tun werde, weil dann kein so grandioses Alpenpanorama mehr geboten ist) und andererseits sie bei Nacht zu fahren. Das ist eine gute Idee, ich habe also künftig noch viel vor auf meiner Haus- und Lieblingsstrecke.