Archiv für den Monat: Juli 2014

19 Spaghetti-Kehren bis Borcola

Rennrad am Passo BorcolaWer kennt eigentlich das Val Posina, das Tal und die Bergregion östlich des Pasubio-Massivs in Venetien am südlichen Alpenrand? Wahrscheinlich wenige, denn die Gegend als touristisch zu bezeichnen spräche den unübersehbaren Zeichen der Landflucht und den leeren Straßen Hohn. Das hat auch seine ruhigen Vorteile, sollen sich doch die vielen anderen Rennrad- (und vor allem MTB-)Fahrer weiter westlich in der Gardasee-Region oder an den Pasubio-Wegen austoben.

Vom Hauptort Arsiero über Posina sind es 900 Höhenmeter auf den Passo della Borcola. Die 19 Haarnadelkurven auf den letzten Kilometern erinnern an gekochte, zusammengelegte Spaghetti – sie sind weder schnell hoch noch hinunter befahrbar, dafür ein Traum für Rennrad-Genießer. Am Paß drehend und wieder nach Posina hinunter, nehme ich von dort noch den Colle Xomo in Angriff. Von diesem und dem Borcola könnte ich auf dem Friedensweg den Pasubio per pedes erklimmen, doch das ist eine andere Geschichte.

Endlich Frieden am Pasubio

Vor fast genau einhundert Jahren ist der 1. Weltkrieg ausgebrochen. Und wenige Monate später erklärte 1915 das zuerst noch neutrale Italien seinem nördlichen Nachbarn Österreich den Krieg. Es begann ein bis dahin noch nie gekannter Gebirgskampf. Mit unglaublichem Materialeinsatz an Menschen und vor allem Waffen entstand eine Front in Fels und Eis in den südlichen Alpen. Einer der erbittersten Kriegsschauplätze ist das Pasubio-Massiv gewesen, welches heute noch die Grenze bildet zwischen den Provinzen Venetien und Trentino (damals noch Teil der Habsburgermonarchie).

1917 sprengten und bauten italienische Mineure in wenigen Monaten eine ‘Strada delle Galerie’ mit 52 Tunnelabschnitten in die Südost-Seite der Pasubioflanken, um ihrerseits endlich einen sicheren Nachschubweg für die Truppen zur Gipfelfront zu haben, denn davor waren sie dem Beschuss der österreichischen Artillerie vom Monte Maggio her ausgesetzt gewesen. Bergwanderung Militärstr. PasubioDieser wohl weltweit einmalige Gebirgsweg macht heute eine spektakuläre Bergwanderung möglich, atemberaubende Ausblicke wechseln sich mit dunklen, glitschigen Tunnelabschnitten ab (Stirnlampe mitnehmen!). Uns macht anfangs die Sommerhitze zu schaffen. Doch es gehen immer die Gedanken mit, warum und wieso dieser irrsinnige “Fahrweg” überhaupt gebaut wurde, welche Strapazen erst die Soldaten und Träger bei jeglicher Witterung aushalten mussten.

Nach fast 800 Höhenmeter Aufstieg und kurzer Rast am Rifugio ‘Generale Achille Papa’ gehen wir weiter auf die Gipefkette des Pasubios mit Cima Palon (2.220 m.ü.M.), Dente Italiano und schließlich Dente Austriaco. Die Zeugnisse des Kriegsschauplatzes sind immer noch allgegenwärtig, die Lauf- und Schützengräben, Kavernen und Unterstände gut erkennbar. Auf diesem Schlachtfeld sollen 13.000 Menschen durch Kampf gefallen oder durch Witterung umgekommen sein. Es waren zumeist junge Männer, Angehörige der Eliteeinheiten der Alpini und der Kaiserjäger. Besonders pervers wurde es im Frühjahr 1918. Dente ItalianoDie Österreicher zündeten eine der größten Sprengladungen der Kriegsgeschichte unter dem italienischen Gipfel. Sie kamen um wenige Stunden ihren Gegnern zuvor, welche ebenfalls wochenlang einen Sprengstollen Richtung Dente Austriaco in den Fels getrieben hatten. Der geschundene, halb gesprengte Berg liegt seitdem wie ein Mahnmal in grossen Steinquadern da. Damals sollen 30 Meter hohe Flammen aus dem Massiv geschlagen sein, hunderte Alpini gestorben. Doch der entscheidende Frontdurchbruch gelang den Kaiserjägern auch damit nicht.

Trotz dieser vielen Spuren menschlicher Gewalt, der Pasubio mit seiner Bergkulisse bleibt von großer Schönheit; sein rauhes Klima und die schnellen Wetterwechsel faszinieren. Diese Mischung erzeugt eine ganz eigene Atmosphäre in mir: “Endlich, endlich herrscht Frieden am Pasubio und Gott sei Dank in weiten Teilen Europas”. Nach siebenstündiger Bergwanderung wieder in sein Auto zu steigen und in Venetien wohlig müde ein grandioses Nachtmahl geniessen zu dürfen, nehme ich – als österreichischer Staatsbürger – zumindest heute abends nicht als Selbstverständlichkeit wahr.